• Chronische Schmerzen und Gelenkersatz sind nur zwei Themen, zu denen Forschende des CBI grenzübergreifend forschen. AdobeStock / Dragana Gordic

Von Gemeinsamkeiten und Unterschieden lernen

Prävention ohne Grenzen – unter diesem Schwerpunktthema steht am 9. Oktober das jährliche Cross-border Health Meet-up, das dieses Mal in Oldenburg stattfindet. Unter anderem geht es um chronischen Schmerz und Gelenkersatz.

Prävention ohne Grenzen – unter diesem Schwerpunktthema steht am 9. Oktober das jährliche Cross-border Health Meet-up, das dieses Mal in Oldenburg stattfindet. Das Cross-border Institute of Healthcare Systems and Prevention (CBI) der Universitäten Oldenburg und Groningen bringt Forschende und Akteure des Gesundheitssystems zusammen. Das Ziel: Die Gesundheitsversorgung in der ländlich geprägten Grenzregion zu verbessern.

„Pijn tussen de ooren“, zu Deutsch „Schmerz zwischen den Ohren“, beschreibt etwas, für das es im Deutschen keinen vergleichbaren Ausdruck gibt. „Die Niederländer meinen damit den psychosozialen Schmerz, der zwar nicht auf eine konkrete körperliche Ursache zurückzuführen ist, aber trotzdem real und nicht etwa eingebildet ist“, erklärt Stefanie Beinert. Sie promoviert am Department für Versorgungsforschung der Universitätsmedizin Oldenburg und forscht im Projekt „xPEDition Pain“, das sich mit chronischen Schmerzen beschäftigt. Der Forschungsraum des grenzübergreifenden Projekts, das vom Interreg-VI-Programm Deutschland-Nederland der Europäischen Union gefördert wird, ist die nördliche Grenzregion zwischen Deutschland und den Niederlanden. Beinert gehört mit ihrem Forschungspartner Dr. Remko Soer vom Universitair Medisch Centrum Groningen (UMCG) zu den Referentinnen und Referenten, die am 9. Oktober einen Einblick in die aktuelle Forschung des CBI geben.

„Unser Ziel ist es, Schmerz für alle verständlich zu machen“, erklärt Beinert. Konkret heißt das: Die Forschenden wollen nicht nur herausfinden, wie viele Menschen unter welchen Arten von chronischem Schmerz leiden, sondern informieren sie auch über Ursachen und Bedeutungen von Schmerzen – und darüber, wie der richtige Umgang damit die Lebensqualität wieder verbessern kann. Über Newsletter, eine eigene Website, Social-Media-Kanäle und gezielte Pressearbeit verbreiten die Forschenden die Informationen in der Region und wollen anschließend per Befragung herausfinden, ob die breit angelegte Kampagne wirkt. „Gerade werten wir aus, wie überhaupt der Status quo beim Thema Schmerz in der Region ist“, berichtet Beinert. Mehr als 3.000 Menschen in Deutschland, den Niederlanden und – als Kontrollgruppe – auch in Belgien hat das Forschungsteam befragt. Beinert selbst interessiert sich besonders für soziale Ungleichheiten, die sich in den Ergebnissen zeigen. „Dass Frauen deutlich häufiger von chronischen Schmerzen betroffen sind, ist eine traurige Gemeinsamkeit zwischen den Ländern, die sich abzeichnet“, sagt die Doktorandin. Auch Menschen mit niedrigerem Bildungshintergrund seien häufiger Schmerzpatientinnen und -patienten als andere.

Beim Health Research Meet-up wollen Beinert und Soer unter anderem berichten, wie sie Menschen aus der Region ganz konkret in ihre Forschung und ihre Aufklärungskampagne einbinden: Betroffene teilen zum Beispiel ihre Erfahrungen auf Social Media, testen die Verständlichkeit von Fragebögen oder wirken wie im Fall einer 80-Jährigen Instagram-Fitnesstrainerin als Influencer mit.

Reichlich Erfahrungen mit grenzübergreifender Forschung haben auch Dr. Gesine Seeber von der Uniklinik für Orthopädie am Pius-Hospital Oldenburg und Prof. Dr. Martin Stevens vom UMCG. Bereits seit zwölf Jahren untersuchen sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Deutschland und den Niederlanden bei der Rehabilitation von Patientinnen und Patienten, die ein neues Knie- oder Hüftgelenk erhalten haben. 

„Während im deutschen System drei Wochen sogenannte Anschlussheilbehandlung, meistens in Form einer Kur, fest dazugehören, kümmern sich Patientinnen und Patienten in den Niederlanden allein oder mit ambulanter Physiotherapie um ihre Rehabilitation“, erklärt Seeber. Gemeinsam mit Stevens hat sie in den vergangenen Jahren zahlreiche Facetten dieses Unterschieds untersucht. „Dabei hat sich unter anderem gezeigt: Fitte Personen mit normaler Gesundheit kommen sehr gut in dem niederländischen System zurecht. Wer aber eine besonders komplizierte Operation hinter sich hat, mehrere Vorerkrankungen mitbringt oder auch nur etwas älter ist und trotzdem schnell wieder ins Berufsleben zurückkehren soll, profitiert von der sehr intensiven Reha-Kultur in Deutschland“, sagt Stevens. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass Patientinnen und Patienten wortwörtlich schnell wieder auf die Beine kommen. „Unsere Untersuchungen haben aber auch gezeigt, dass Deutsche und Niederländer nach rund einem Jahr wieder auf dem gleichen Genesungsstand sind“, sagt er. 

Herausfinden konnten die beiden das nur, gerade weil sie grenzübergreifend arbeiten. „In Deutschland könnte man aus ethischen Gründen nicht einfach einer Testgruppe die Anschluss-Reha verwehren und anschließend schauen, wie gut sie sich allein geschlagen haben“, erklärt Seeber. Der Vergleich mit der niederländischen Gruppe ermöglichte genau diesen den Vergleich.

Große Unterschiede bei der Zufriedenheit mit ihrer Versorgung haben die beiden Forschenden im Ländervergleich übrigens nicht gefunden. „Das hängt sicherlich auch mit der Erwartungshaltung der Patientinnen und Patienten zusammen. Während Deutsche eher das medizinische Personal in der Verantwortung sehen, ihre Beschwerden zu lindern und wieder fit zu werden, begreifen die Menschen in den Niederlanden das als ihre eigene Aufgabe“, erklärt Seeber. Oder anders gesagt: Patientinnen und Patienten akzeptieren das System, das sie kennen.

Zwar schaffen es Deutsche dank Reha rund zwei Wochen früher zurück an den Arbeitsplatz als Niederländer, aber dafür verursacht ihr Aufenthalt – meist in der Kurklinik mit Vollpension – hohe Kosten. „Das frisst den Vorteil der früher wieder verfügbaren Arbeitskraft rein finanziell gesehen wieder auf“, so Stevens. 

Auf Basis ihrer bisherigen Ergebnisse gehen die beiden Forschenden davon aus, dass das Thema Rehabilitation individueller gestaltet sein müsste – und zwar auf beiden Seiten der Grenze. „Im Moment bekommt in Deutschland jeder eine Reha, egal wie fit er ist oder wieviel Zeit er zum Gesundwerden hat“, sagt Seeber. Auf der anderen Seite bleibt niederländischen Patientinnen und Patienten, die darauf angewiesen wären, eine solche intensive Betreuung in der Regel verwehrt. Denn obwohl die Rechtslage innerhalb der Europäischen Union eine Behandlung oder die Inanspruchnahme von Rehabilitationsleistungen in anderen Mitgliedsländern grundsätzlich erlaubt, kommt es in der Praxis kaum dazu – meist, weil Versicherer sich querstellen.

Aktuell arbeiten Seeber und Stevens an einem neuen Thema: Sie wollen ein Programm entwickeln, das die Nachsorge von Patientinnen und Patienten verbessert, bei denen sich die OP-Wunde entzündet. „Die Betroffenen haben es wirklich sehr schwer und meist einen äußerst komplizierten Genesungsprozess vor sich“, sagt Seeber. Gleichzeitig sind die Fälle vergleichsweise selten und die Unterstützungsangebote für Betroffene überschaubar. Um herauszufinden, was ihnen am besten hilft, wollen Seeber und Stevens Ansätze aus Deutschland und den Niederlanden vergleichen – und auch Norwegen und England in ihre Untersuchungen einbeziehen.

Wer mehr über diese und weitere Themen aus der aktuellen grenzübergreifenden Gesundheitsforschung erfahren möchte, kann sich noch zur Veranstaltung anmelden: 

Sie findet statt am Freitag, 9. Oktober, 9.30 bis 17.15 Uhr, Alte Stadtkasse in Oldenburg.