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  • Jannik Ohmes in der Bibliothek der Uni Oldenburg. Er hält ein Buch mit dem Titel "Versorgungsforschung" in der Hand.

    Bibliothek statt Blaulicht: Jannik Ohmes ist gelernter Rettungssanitäter - und bald auch Versorgungsforscher mit Masterabschluss. Universität Oldenburg / Daniel Schmidt

Von der Versorgung in die Forschung

Eine Mini-OP vor zehn Jahren, durchgeführt auf dem Billardtisch im Keller eines Landschulheims, hat Jannik Ohmes zum Rettungsdienst gebracht – und später in die Versorgungsforschung.

Eine Mini-OP vor zehn Jahren, durchgeführt auf dem Billardtisch im Keller eines Landschulheims auf der Insel Wangerooge, hat Jannik Ohmes maßgeblich geprägt. Sie war ein Grund dafür, dass der heute 29-Jährige ab 2016 eine Ausbildung zum Notfallsanitäter absolvierte. Gleichzeitig hatte sie auch einen Einfluss darauf, dass nach zwei Jahren im Beruf den Rettungswagen doch gegen den Hörsaal tauschte und heute kurz vor seinem Universitätsabschluss als Versorgungsforscher steht. 

Blaulicht hat Jannik Ohmes schon während der Schulzeit fasziniert: „Ich hatte sozusagen den klassischsten aller Berufswünsche: Feuerwehrmann werden“, erinnert er sich lachend. Nach ein paar Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Ofen entscheidet er sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Rettungswache Wangerooge. „Es ist sehr spannend, wie auf einer Insel die Rettungsketten organisiert sind“, erzählt er- „Man kann die Person ja nicht einfach ins Krankenhaus fahren. Bei Notfällen kommt stattdessen der Rettungshubschrauber oder bei schlechten Wetterbedingungen auch die Seenotrettung zum Einsatz.“

Ohmes absolviert auf der Insel die zweimonatige Qualifikation zum Rettungshelfer, fährt den Rettungswagen, assistiert dem Notfallsanitäter und auch dem Arzt der Insel, der im Bedarfsfall hinzugerufen wird. Dabei fasziniert ihn besonders eines: Wie flexibel die Fachkräfte auf die unterschiedlichen Notfälle reagieren: Im Winter ist weniger los, dafür herrschen häufiger herausfordernde Wetterbedingungen, wenn schwerwiegende Notfälle wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle einen schnellen Transport ins Krankenhaus erfordern. Im Sommer versorgen die Rettungskräfte vor allen Dingen die typischen Notfälle der vielen Touristinnen und Touristen – vom Kreislaufkollaps am Strand bis zum Fahrradunfall.  

Einer dieser Einsätze ist eine stark blutende Platzwunde am Knie, die sich ein Schüler während der Klassenfahrt bei einem Treppensturz zugezogen hat. Sie muss genäht werden. „Ihn dafür ins Krankenhaus aufs Festland zu bringen, hätte für ihn das Ende der Klassenfahrt bedeutet“, erinnert sich Ohmes. Um das zu vermeiden, nähen und versorgen Arzt und Rettungsteam die Wunde auf dem Billardtisch im Keller des Landschulheims und der Junge kann die Klassenfahrt weiter genießen.

„Bei Erlebnissen wie diesen habe ich gemerkt: Wirklich helfen zu können, das macht mir Spaß“, sagt Ohmes. Nach Abschluss seines FSJ beginnt er deshalb die damals noch neue Ausbildung zum Notfallsanitäter im Landkreis Oldenburg und merkt schnell: Der Rettungsdienst hat den Traumjob Feuerwehrmann längst abgelöst. 2019 beendet er die Ausbildung und startet hochmotiviert beim Rettungsdienst Ammerland in die Berufstätigkeit. „Es war toll, alles umzusetzen, was ich gelernt hatte und dabei mit großer Eigenverantwortlichkeit zu arbeiten.“ Als Notfallsanitäter hat er die höchste nichtärztliche Qualifikation und leitet die Einsätze, die keinen Notarzt erfordern.

Bald spürt er aber auch eine Entwicklung, die Rettungskräfte immer häufiger beklagen: Viele Einsätze sind keine wirklichen Notfälle. Statt um Lebensgefahr geht es immer wieder auch um Erkältungen, chronische Rückenschmerzen oder ältere Menschen, die allein nicht mehr zurechtkommen. Bestens ausgebildet und ausgerüstet für die Ausnahmesituation stehen er und seine Kolleginnen und Kollegen Menschen gegenüber, die Unterstützung brauchen – und können ihnen doch nicht helfen. „Für solche Einsätze ist der Rettungsdienst nicht gedacht und dafür sind wir nicht ausgebildet. In diesen Situationen bleibt uns nur, die Personen ins Krankenhaus zu fahren“, sagt er. Weiter weg von der spontan genähten Knieplatzwunde, bei der Notfall und Rettungsressourcen perfekt zusammenpassten, könnten diese Momente nicht sein. 

Deshalb fasst Jannik Ohmes einen Entschluss: Er geht an die Universität Osnabrück und studiert dort „Berufliche Bildung: Gesundheitswissenschaften“. Seine Idee: Als Berufsschullehrer Einfluss darauf zu nehmen, dass angehende Rettungskräfte eine realitätsnähere Ausbildung erhalten – um nicht nur bei medizinischen, sondern auch bei sozialen Notfällen helfen oder zumindest beraten zu können.  

Aber: Die Pädagogik liegt ihm nicht. Im Studium interessiert ihn viel mehr die Versorgungsforschung, also das Fachgebiet, das Strukturen und Prozesse des Gesundheitssystems unter Alltagsbedingungen untersucht. Ein Praktikum am OFFIS bringt ihn näher an die Universität Oldenburg, wo er nach seinem Abschluss in Osnabrück schließlich den noch jungen Masterstudiengang Versorgungsforschung im Gesundheitswesen belegt. 

„Hier habe ich das Gefühl, hinter die Kulissen des Gesundheitssystems schauen zu können und endlich die Hintergründe zu verstehen, die dafür sorgen, wie es in der Praxis läuft oder auch manchmal eben auch nicht läuft“, sagt er. Wie kassenärztliche Zulassungen verteilt werden, wie sich die immer höhere Zahl an in Teilzeit arbeitenden Ärztinnen und Ärzte auf die Versorgung auswirkt oder wie und für was Rettungsdienste tatsächlich bezahlt werden, sind nur einige Themen, auf die Ohmes jetzt auch eine andere, eine wissenschaftliche Perspektive hat. „Trotz ihres wissenschaftlichen Ansatzes denkt die Versorgungsforschung die Versorgung aus der Praxis heraus. Das gefällt mir. Es geht immer um die Frage, wie man das richtig versorgt, was gebraucht wird“, erklärt er. 

Nach seinem Abschluss will der 29-Jährige deshalb selbst in die Forschung einsteigen und gemeinsam mit Versorgungsforscher Prof. Dr. Falk Hoffmann untersuchen, wie es sich auf Mitarbeitende auswirkt, wenn die Notfallversorgung aufgrund von Krankenhausschließungen zentralisiert wird. „Ich könnte dort auf meine Erfahrungen als Notfallsanitäter und als Versorgungsforscher gleichermaßen zurückgreifen und vielleicht wirklich etwas an dem System ändern, über das ich mich früher geärgert habe“, sagt er.