Der Medizinethiker Simon Gerhards und der Neurowissenschaftler Dr. Daniel Kristanto sind mit dem Hermine Heusler-Edenhuizen-Preis ausgezeichnet worden. Der Verein Freunde und Förderer der Universitätsmedizin Nordwest vergibt den mit 500 Euro dotierten Preis für herausragende wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Simon Gerhards ist Arzt und forscht in der Abteilung „Ethik in der Medizin“ am Department für Versorgungsforschung der Universität Oldenburg. Er erhält die Auszeichnung für seinen Beitrag darüber, wie Medizinstudierende mit dem Thema Rassismus umgehen. Der Artikel erschien im November 2024 in der Online-Fachzeitschrift PLOS One.
Übersehene Hautausschläge auf nicht-weißer Haut, abwertende Stereotypisierungen wie der scheinbare Fachbegriff „Morbus Mediterraneus“, der Menschen mit Migrationshintergrund unterstellt, ihre Schmerzen aufzubauschen oder eine Ungleichbehandlung bei der Terminvergabe: Rassismus in der Gesundheitsversorgung hat unterschiedliche Gesichter. 2022 veröffentliche der Weltärztebund in Berlin eine Deklaration, in der er anerkennt, dass Rassismus im Gesundheitssystem strukturell und tief verwurzelt ist, und das ärztliche Personal weltweit dazu aufruft, aktiv gegen Rassismus einzutreten. Auch empfiehlt er eine Anpassung von Studieninhalten. Sie sollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass Rassismus auch die Gesundheit gefährden kann.
Vor diesem Hintergrund hat Gerhards untersucht, wie Medizinstudierende mit dem alltäglichen, aber häufig tabuisierten Thema „Rassismus“ umgehen. In Gruppendiskussionen mit 32 Studierenden aus verschiedenen deutschen Universitäten hat er analysiert, welches Verständnis die Studierenden von diesem Thema haben, wie sie damit in Diskussionen umgehen und vor welchen Herausforderungen sie dabei stehen. Daraus entwickelt er eine Typologie der Herangehensweisen von Studierenden an das Thema Rassismus. So stellt beispielsweise eine interkulturelle Herangehensweise die Verständigung zwischen den Kulturen in den Mittelpunkt und sieht Rassismus in erster Linie in Vorurteilen, während eine kritische Haltung eher davon geprägt ist, Rassismus als strukturelles Problem zu begreifen, das gesellschaftlich tief verankert ist. Insgesamt benennt er fünf typische Herangehensweisen, die in ihrer Gesamtheit zeigen, wie unterschiedlich die Perspektiven sind, mit denen Studierende auf das Thema blicken. Gerhards kommt zum Ergebnis, dass entsprechende Ausbildungsinhalte diese Ausgangslage berücksichtigen sollten. Seine Ergebnisse wurden bereits zur Weiterentwicklung der Lehre an der Universitätsmedizin Oldenburg (UMO) im Rahmen des Lernpfads „Professionelle Entwicklung“ mit der Lerneinheit „Let’s talk about racism“ aufgegriffen.
Daniel Kristanto ist Neurowissenschaftler und forscht am Department für Psychologie. Er erhält den Hermine Heusler-Edenhuizen-Preis für die Entwicklung der App „METEOR“, die er – ebenfalls bereits 2024 – im Fachmagazin „Neuroscience and Biobehavioral Reviews“ beschrieben hat. METEOR steht für „Mastering The Oppressive number of forking paths”.“Forking Paths” heißt „verzweigten Wege“. und beschreibt die Vielzahl an Methoden, die Forschenden bei der Auswertung von statistischen Daten zur Verfügung stehen. Die Folge: Forschende kommen bei gleichen Daten zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil sie andere Analysemethoden oder -parameter wählen.
Kristanto geht es konkret um die Methoden von Neurowissenschaftler*innen, mit denen diese Hirnscans aus funktioneller Magnetresonanztomographie auswerten – und zwar auf ganz unterschiedliche Arten. In den mehr als 200 relevantesten Papers der vergangenen 15 Jahre fand er statt einheitlichem „State of the art“ insgesamt 61 unterschiedliche Analyseschritte, die in beliebiger Kombination und Reihenfolge angewendet wurden und teils auch umstrittene Techniken wie zum Beispiel das „Scrubbing“ beinhalteten. Dabei löschen Forschende aus den Hirnscans Daten, die Testpersonen ungewollt durch Bewegungen verursacht haben. Nach Meinung von Kritiker*innen sorgt das aber auch für eine Verzerrung der Daten.
Auf Basis seiner Recherche hat Kristanto „METEOR“ programmiert. Die Anwendung gibt Forschenden einen Überblick über etablierte Analysemethoden und hilft ihnen dabei, die richtige zu finden. Sie erfahren, wie verbreitet einzelne Ansätze sind, welche Abfolge einzelner Schritte üblich ist und welche Parameter bei vorangegangenen Arbeiten mit diesen Methoden untersucht wurden. Die gut informierte Entscheidung über eingesetzte Analysemethoden soll Forschungsergebnisse robuster und leichter reproduzierbar machen.
Der vom Verein Freunde und Förderer der Universitätsmedizin Nordwest gestiftete „Hermine Heusler-Edenhuizen-Preis“ ist nach der ersten in Deutschland niedergelassenen Frauenärztin benannt. Auf Vorschlag der Forschungskommission entscheidet die Medizinische Fakultät gemeinsam mit dem Verein über die Vergabe.
Originalpublikationen: