Jella Voelter erhält den Hermine Heusler-Edenhuizen-Preis für ihre Forschung über das Berührungsempfinden von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie hat gezeigt: Das Gehirn von Betroffenen verarbeitet Reize anders.
Umarmungen, Schulterklopfen oder tröstendes Streicheln – was viele Menschen als angenehm empfinden, sorgt bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)) häufig für Ablehnung. Die Doktorandin Jella Voelter von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Karl-Jaspers-Klinik (Universitätsmedizin Oldenburg/UMO) hat untersucht, wie Betroffene Berührungen empfinden und was sich dabei in ihrem Gehirn abspielt. Das Ergebnis: Die Gruppe der Menschen mit BPS zeigen eine deutlich negativere Einstellung gegenüber sozialer Berührung, als die Vergleichsgruppe. Als soziale Berührungen gelten beabsichtigte Körperkontakte zwischen zwei Menschen. Auch in Hirnscans zeigten sich Unterschiede: Die Inselrinde, die körperliche Empfindungen unter anderem mit Emotionen verknüpft, zeigte bei der BPS-Gruppe bei solchen Berührungen weniger Aktivität als bei der Vergleichsgruppe. Aus diesen Ergebnissen könnten sich neue Therapieansätze ergeben.
Für ihren Artikel „A Neural Signature of Touch Aversion and Interpersonal Problems in Borderline Personality Disorder”, den sie im vergangenen Jahr in „Psychotherapy and Psychosomatics“ veröffentlicht hat, erhält Voelter jetzt den Hermine Heusler-Edenhuizen-Preis. Mit diesem Preis würdigen die Freunde und Förderer der Universitätsmedizin Nordwest und die Fakultät VI Medizin und Gesundheitswissenschaften Publikationen in international angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften. Der Preis ist mit 500 Euro dotiert. Für einen Forschungsaufenthalt ist Voelter gerade in Schweden. Sie schickte eine Videobotschaft. Prof. Dr. Dr. René Hurlemann, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, nahm den Preis für sie entgegen.
Voelter und ihr Team haben insgesamt 55 Patientinnen und Patienten mit BPS sowie 31 Kontrollpersonen untersucht. Während sie im MRT lagen, wurden sie von einer anderen Person auf verschiedene Arten – schnell, langsam, mit der Hand oder einem Pinsel – an den Schienbeinen berührt. Die Wissenschaftler*innen werteten Hirnscans und persönliche Einschätzungen der Studienteilnehmenden zu ihrem Berührungsempfinden aus.
Vier Wochen später wiederholten sie den Test. In dieser Zeit hatten die Personen mit BPS ein Therapieangebot angenommen, woraufhin sich verschiedene Symptome ihrer Krankheit signifikant verbesserten – ihr Berührungsempfinden und die Wahrnehmung im Gehirn veränderten sich hingegen kaum. Das weist laut Voelter darauf hin, dass es sich nicht nur um eine situationsbedingte Auffälligkeit handelt. Eine starke Abneigung gegen Berührungen, die nicht alleinig auf ein traumatisches Erlebnis zurückgehen, und entsprechende Verarbeitungsmuster im Gehirn könnten daher in Kombination eine Biosignatur für die komplexen und belastenden sozialen Probleme der BPS sein.
Gleichzeitig könnten sich aus den Erkenntnissen der Oldenburger Wissenschaftlerin neue Therapieansätze entwickeln. Grundsätzlich gelten Berührungen, die als soziale Interaktion ausgetauscht werden, als förderlich für die mentale und physische Gesundheit, weil sie Stress, Schmerz, Ängstlichkeit und Einsamkeit reduzieren können. Ein Defizit an Berührungen bringt die Wissenschaft hingegen in Verbindung mit schädlichen Gesundheitsfolgen.
Weitere Forschung könnte sich deshalb mit der Frage beschäftigen, inwieweit gerade auch Menschen mit BPS von den gesundheitlichen Vorteilen von Berührungen profitieren können – indem sie mit entsprechenden Therapieansätzen auf dem Weg dorthin unterstützt werden.